Mit der Natur gehen
Mara hält sich im Unterricht die Ohren zu. Der Heizkörper macht gluckernde Geräusche, Stühle knarzen, auf dem Flur fällt eine Tür ins Schloss. Doch die Geräusche sind wie Stiche in den Kopf – viel zu laut, viel zu nah.
Jonas wippt auf den Zehenspitzen, während er den Stift dreht. Bewegung hilft ihm, konzentriert zu bleiben.
Mara und Jonas gelten als „schwierig“. Doch sie haben einfach ein ausgeprägtes Temperament.
Was Temperament bei ADHS bedeutet
Temperament beschreibt unsere spontane Erstreaktion auf die Welt – wie wir wahrnehmen, fühlen, denken und handeln. Es ist biologisch verankert und bleibt über das Leben hinweg relativ stabil. Die PSI-Theorie von Julius Kuhl unterscheidet zwei Formen:
Menschen mit ADHS reagieren oft intensiver auf Reize, Emotionen und Gedanken. Oft nutzen sie Bewegung zur Selbstregulation. Das ist keine Störung, sondern eine neurobiologische Eigenart, die Energie kostet, wenn sie unterdrückt werden muss.
Warum Schule so anstrengend ist
Unsere Energie zur Selbststeuerung ist begrenzt und sie schwindet im Laufe des Tages. Unser Temperament und die individuelle Reife des Gehirns legen fest, wie gut wir uns selbst steuern können. Der präfrontale Kortex – zuständig für Impulskontrolle – reift erst zwischen 18 und 23 Jahren. Kinder mit ADHS können sich also nicht „zusammenreissen“, sondern brauchen verständnisvolle Rahmenbedingungen: Bewegungspausen, Rückzugsorte, Aufgaben, die echtes Interesse wecken.
Mit dem Temperament arbeiten – nicht dagegen
Zu viele Reize auf einmal können uns stressen, müde machen, gereizt wirken lassen oder dazu führen, dass wir uns zurückziehen. Deshalb ist es so wichtig, Reize gut zu dosieren und Pausen zu haben, in denen wir uns erholen können.
Lehrpersonen und Eltern, die Reizreduktion, Bewegung und Interessen fördern, schaffen artgerechte Lernräume. So bleibt Energie für Konzentration und Kreativität.
Temperament lässt sich nicht wegtrainieren, aber wir können lernen, damit umzugehen.
